Nahrungsergänzungsmittel sinnvoll einsetzen 2026

Redaktionsteam

29. Juli 2026

Nahrungsergänzungsmittel sinnvoll einsetzen 2026

Der deutsche Markt für Nahrungsergänzungsmittel hat 2024 erstmals die 2-Milliarden-Euro-Grenze überschritten. Laut einer Erhebung des Bundesverbands der Lebensmittelwissenschaftler nehmen rund 35 Prozent der Erwachsenen in Deutschland regelmäßig mindestens ein Präparat ein. Die Bandbreite reicht von einfachem Vitamin C für 3 Euro bis zu komplexen Multivitaminpräparaten für über 80 Euro pro Monat. Doch wer greift wirklich aus einem nachgewiesenen Bedarf heraus ins Regal, und wer kauft schlicht auf Verdacht?

Wann ein Mangel tatsächlich vorliegt

Der erste und entscheidende Schritt vor jedem Kauf ist ein Blutbild beim Hausarzt. Das klingt banal, wird aber von der Mehrheit der Käufer übersprungen. Besonders verbreitet ist ein echter Mangel bei Vitamin D, Vitamin B12 und Folsäure. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) schätzt, dass bis zu 60 Prozent der Bevölkerung im Winter einen Vitamin-D-Spiegel unterhalb des empfohlenen Wertes von 50 nmol/l haben. Das ist ein konkreter, messbarer Grund für eine Supplementierung.

Dagegen ist ein echter Vitamin-C-Mangel bei Menschen mit normaler Mischkost in Deutschland fast nie dokumentiert. Trotzdem gehört Vitamin C zu den meistgekauften Präparaten. Ähnliches gilt für Magnesium: Ein labordiagnostisch gesicherter Magnesiummangel ist selten, während gefühlte Symptome wie Muskelkrämpfe viele Verbraucher zu Kaufentscheidungen bewegen, ohne dass jemals ein Wert gemessen wurde.

Risikogruppen mit echtem Bedarf

Es gibt Bevölkerungsgruppen, für die bestimmte Nahrungsergänzungsmittel nach aktuellem Forschungsstand tatsächlich sinnvoll sind:

  • Schwangere: Folsäure (400 Mikrogramm täglich) vor und während der Schwangerschaft reduziert das Risiko von Neuralrohrdefekten nachweislich. Jod und Eisen sind häufig ebenfalls angezeigt.
  • Veganer: Vitamin B12 muss zwingend supplementiert werden, da es ausschließlich in tierischen Produkten in relevanter Menge vorkommt. Ein unbehandelter Mangel führt zu irreversiblen Nervenschäden.
  • Ältere Menschen ab 65: Die körpereigene Vitamin-D-Synthese über die Haut nimmt mit dem Alter deutlich ab, gleichzeitig steigt das Sturz- und Frakturrisiko bei niedrigem Spiegel.
  • Menschen mit Resorptionsstörungen: Wer an Morbus Crohn, Zöliakie oder nach Magenbypass-Operationen leidet, hat oft einen erhöhten Bedarf an mehreren Mikronährstoffen.

Für gesunde Erwachsene ohne spezifischen Risikofaktor und mit abwechslungsreicher Ernährung hingegen bringt die Einnahme von Multivitaminpräparaten laut einem Cochrane-Review aus dem Jahr 2023 keinen messbaren gesundheitlichen Vorteil.

Qualitätskriterien beim Kauf

Wer einen echten Bedarf hat, steht vor der nächsten Herausforderung: der Produktauswahl. Der Markt ist weitgehend unreguliert. Nahrungsergänzungsmittel unterliegen in der EU dem Lebensmittelrecht, nicht dem Arzneimittelrecht. Das bedeutet: Es braucht keine klinische Zulassung, und die angegebenen Wirkstoffmengen werden nicht systematisch vor dem Inverkehrbringen überprüft.

Unabhängige Tests, etwa von Stiftung Warentest, zeigen regelmäßig, dass deklarierte Mengen und tatsächlicher Gehalt bei billigen Produkten teils erheblich abweichen. Worauf Verbraucher konkret achten sollten:

  • Zertifizierungen unabhängiger Prüfstellen, etwa das EFSA-konforme Label oder Prüfzeichen wie GMP (Good Manufacturing Practice)
  • Klare Angabe der Verbindungsform: Magnesiumcitrat wird vom Körper besser aufgenommen als Magnesiumoxid, das in Billigprodukten häufig eingesetzt wird
  • Transparente Herstellerangaben zum Produktionsstandort und zur Rohstoffquelle
  • Keine übertriebenen Health Claims, die über die von der EFSA zugelassenen Aussagen hinausgehen

Fachhändler mit pharmazeutischem Hintergrund oder spezialisiertem Beratungsangebot spielen hier eine unterschätzte Rolle. In einer Beratung beim Anbieter für Nahrungsergänzungsmittel St. Gallen etwa erhalten Kunden eine individuelle Einschätzung auf Basis ihres Blutbilds, statt nur auf Hochglanzverpackungen zu setzen. Dieser Ansatz, Supplementierung an Laborwerte zu knüpfen, ist in der Breite noch zu wenig verbreitet.

Dosierung: Mehr ist nicht besser

Ein verbreiteter Irrglaube ist, dass ein Mehr an Vitaminen automatisch einem Mehr an Gesundheit entspricht. Bei wasserlöslichen Vitaminen wie C oder den B-Vitaminen scheidet der Körper überschüssige Mengen zwar über die Niere aus, aber selbst hier gibt es bei dauerhaft hohen Dosen Hinweise auf unerwünschte Wirkungen. Vitamin B6 etwa kann bei einer täglichen Zufuhr über 50 Milligramm, wie sie in manchen Hochdosis-Präparaten erreicht wird, zu Nervenstörungen führen.

Bei fettlöslichen Vitaminen ist die Lage ernster. Vitamin A, D, E und K werden im Körperfett gespeichert und können bei Überdosierung toxisch wirken. Der tolerable Grenzwert für Vitamin A liegt laut EFSA bei 3.000 Mikrogramm täglich für Erwachsene. Viele frei verkäufliche Kombipräparate erreichen zusammen mit einer normalen Ernährung bereits 70 bis 80 Prozent dieses Werts, ohne dass das den meisten Käufern bewusst ist.

Wechselwirkungen mit Medikamenten

Ein Thema, das in der öffentlichen Diskussion noch zu wenig Gewicht bekommt: Nahrungsergänzungsmittel können die Wirkung verschreibungspflichtiger Medikamente verändern. Einige bekannte Beispiele aus der Praxis:

  • Vitamin K reduziert die Wirksamkeit von Blutverdünnern wie Marcumar und Warfarin erheblich. Für Patienten mit Herzerkrankungen kann das lebensbedrohlich sein.
  • Johanniskraut, das formal als Nahrungsergänzungsmittel verkauft wird, senkt die Plasmakonzentration von Immunsuppressiva, Verhütungsmitteln und HIV-Medikamenten.
  • Calcium kann die Resorption von Schilddrüsenhormonen (L-Thyroxin) beeinträchtigen, wenn es gleichzeitig eingenommen wird.

Wer dauerhaft verschreibungspflichtige Medikamente nimmt und Nahrungsergänzungsmittel hinzufügen möchte, sollte das grundsätzlich mit dem behandelnden Arzt oder einem Apotheker besprechen. Das ist keine Vorsichtsformel, sondern medizinisch relevant.

Was Verbraucher 2026 konkret tun können

Der pragmatische Einstieg: Lassen Sie einmalig ein umfassendes Blutbild erstellen, das Vitamin D (25-OH), B12, Ferritin, Folsäure und ggf. Zink und Selen umfasst. Die Kosten liegen bei Selbstzahlung zwischen 40 und 90 Euro, werden aber bei begründetem Verdacht von vielen Krankenkassen übernommen. Erst auf Basis dieser Werte lässt sich entscheiden, welche Supplementierung tatsächlich sinnvoll ist.

Wer ein Präparat kauft, sollte die Mindesthaltbarkeit beachten, nicht zu große Vorräte anlegen und die Einnahme regelmäßig hinterfragen. Bedarfe verändern sich, zum Beispiel nach einer Schwangerschaft, nach einer Ernährungsumstellung oder im Alter. Wer heute Vitamin D supplementiert, sollte den Spiegel nach drei bis vier Monaten erneut messen lassen, um zu prüfen, ob die Dosis passt.

Nahrungsergänzungsmittel sind kein Ersatz für eine ausgewogene Ernährung und kein generelles Sicherheitsnetz gegen Krankheiten. Eingesetzt auf Basis konkreter Messwerte und mit dem Blick auf Produktqualität, können sie aber gezielt einen echten Unterschied machen.